General Movements

Was sind General Movements?

Das menschliche zentrale Nervensystem (=ZNS) bildet von sich aus eine große Vielfalt von motorischen Mustern ohne das diese ständig von speziellen Reizeinströmungen ausgelöst werden. Beim menschlichen Fötus (= ein Embryo nach Ausbildung der inneren Organe) treten während der Schwangerschaft im postmenstruellen Alter von 9-12 Wochen eine große Auswahl von spezifischen Bewegungsmustern auf, wie beispielsweise „startles“, General Movements (GMs), isolierte Bewegungen der Extremitäten, isoliertes Zucken in den Extremitäten (so genannte „twitches“), Strecken, Gähnen und Atembewegungen. Auch postpartal bestehen diese endogen erzeugten Bewegungsmuster weiterhin fort, und dies unabhängig vom Zeitpunkt der Geburt. Auch verändern diese Bewegungen nach der Geburt bemerkenswerter Weise ihre Form nicht.

Die Diagnostik der General Movements kann ergänzend vom Arzt verordnet werden. Die GM's sind jedoch keine Krankenkassen-Leistung und können daher nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden.

Wen beurteilt der Physiotherapeut mit den General Movements?

Um das junge Nervensystem funktionell beurteilen zu können, muss von den vielen verschiedenen Bewegungsmustern, die im Verlauf der Entwicklung vom Fötus hin zum jungen Säugling auftreten, ein spezielles und möglichst effektives herausgefiltert werden. Als richtig und sehr effektiv stellte sich die Auswahl der General Movements heraus. Die GMs sind ein Teil des spontanen Bewegungsrepertoires und treten vom frühen fetalen Alter bis zum Ende des ersten Lebenshalbjahres auf. In ihrem Erscheinungsbild wirken sie sehr komplex, sie kommen häufig vor und sie dauern lange genug an, um in einer angemessenen Weise beobachtet und beurteilt zu werden. Sie beziehen den ganzen Körper des Kindes ein und werden sichtbar in einem sehr variantenreichen Aufeinanderfolgen von

  • Arm-,
  • Bein-,
  • Hals- und
  • Rumpfbewegungen.

Dabei beginnen und enden sie ganz allmählich und gewinnen in einem sowohl stetig zunehmenden und als auch zugleich wieder abnehmenden Maße an Intensität, Kraft und Geschwindigkeit. Rotationsbewegungen entlang der Achse der Gliedmaßen und geringfügige Änderungen der Bewegungsrichtung lassen sie flüssig und elegant erscheinen. Beim Beobachter erwecken sie den Eindruck von hoher Komplexität und Variabilität. Die GMs verlieren ihren komplexen und variablen Charakter wenn das Nervensystem geschädigt ist und dann erscheinen die GMs sehr monoton und wenig komplex.

GENERAL MOVEMENTS ÄNDERN IHRE QUALITÄT, WENN DAS NERVENSYSTEM GESCHÄDIGT IST.

Schon vor 20 Jahren war bekannt, dass sich GMs bezüglich ihrer Qualität und nicht in Bezug auf die Häufigkeit ihres Auftretens bei Säuglingen mit niedrigem und hohem Risiko oder hirngeschädigten Säuglingen unterschieden. Sind corticospinale oder reticulospinale Bahnen geschädigt, so kann die Qualität von GMs beeinträchtigt werden, da diese neuronalen Strukturen möglicherweise die GMs modulieren. Eine Störung oder Unterbrechung der corticospinalen Bahnen - das heisst der Nervenverbindungen zwischen dem Großhirn und dem Rückenmark - durch hinrorganische Verletzungen aufgrund von Blutungen oder hypoxisch-ischämischen Läsionen (Leukomalazie) führt zu anormalen GMs. GMs verlieren ihren komplexen und variablen Charakter und weisen entweder ein so genanntes „poor repertoire“ auf, sind „cramped-synchronized“ oder „chaotic“. Fidgety movements - also Bewegungsmuster nach der 6.-9. Lebenswoche - können entweder anormal sein oder fehlen.

Wie werden die General Movements beurteilt?

Die zuverlässige Beurteilung von GMs setzt eine standardisierte Aufzeichnungsmethode voraus. Hiefür wird der Säugling bekleidet, aber möglichst mit nackten Armen und Beinen in Rückenlage mit einer Videokamera aufgenommen. Die Aufzeichnungsdauer ist altersabhängig. Mit einer 30 bis 60minütigen Aufnahme von Frühgeborenen können cirka drei zuverlässig beurteilbare GMs erfasst werden, unabhängig davon, ob der Säugling schläft oder wach ist. Weder die Anwesenheit des Beobachters während der Aufzeichnung noch die spätere Beurteilung der gesamten Aufnahme sind hierbei erforderlich.

Zu einem späteren Zeitpunkt wird die Aufnahme überprüft und zur weiteren Beurteilung werden cirka drei Sequenzen von GMs auf ein Band kopiert. Vom Geburtstermin an sind lediglich 5 bis 10 Minuten optimaler Aufzeichnung erforderlich. Die sequentiellen Aufnahmen des Säuglings aus verschiedenen Altersstufen sollten auf so einem sog. Beurteilungs-Video gespeichert werden um anhand dessen die Dokumentation des individuellen Entwicklungsverlaufs vorzunehmen. Aufnahmen von stark quengelnden oder weinenden Säuglingen können nicht analysiert werden.

Basierend auf der globalen visuellen Gestaltwahrnehmung - d.h. der Wahrnehmung des Betrachters - die zwar ein leistungsfähiges aber zugleich anfälliges Instrument in der Analyse von komplexen Phänomenen ist werden die Sequenzen beurteilt. Auch sollte der Untersucher die Fokussierung auf Details unbedingt vermeiden, ebenso wie Umgebungseinflüsse die Gestaltwahrnehmung des Untersuchers beeinträchtigen können. Daher sollte die Beurteilung ohne akustische Einflüsse vorgenommen werden. Bezugspersonen, Geschwister oder Zwillinge auf dem Video, Spiegelbilder des Säuglings, ein Bett voller Spielzeug oder eine Decke mit irritierenden Farben sollten auf jeden Fall vermieden werden.

Um eine GM-Aufnahme beurteilen zu können benötigt der erfahrene Beobachter nicht mehr als 1 bis 3 Minuten. Eine Beurteilung aus der Momentaufnahme einer einzigen Aufzeichnung heraus muss jedoch vermieden werden. Eine individuelle Entwicklungskurve, dokumentiert möglichst zwei oder drei Aufnahmen der Frühgeborenenzeit (jeweils drei Sequenzen von GMs), eine Aufnahme um den Geburtstermin (oder kurz danach oder beides) und wenigstens eine Aufnahme zwischen der 9. und 15. Lebenswoche nach der Geburt. Die individuelle Aufzeichnung des Entwicklungsverlaufes lässt die Beständigkeit oder Unbeständigkeit von normalen oder anormalen Befunden erkennen. Die Prognose für die individuelle neurologische Entwicklung basiert auf solch einer individuelle Entwicklungs-Kurve.

Stärken und Schwächen der GM-Diagnostik

Dabei ist die nicht-invasive Untersuchungsmethode der GMs in keinster Weise für den Säugling belastend. Hinzu kommt, dass die Methode nicht nur leicht zu erlernen ist sondern auch als sehr kosteneffektiv einzustufen ist. Durch die Chance, die spätere Entwicklung einer Zerebralparese so früh wie möglich erkennen zu können, besteht somit auch die Möglichkeit, sehr früh therapeutisch intervenieren zu können. Für alle am Therapieprozess Beteiligten ist diese Vorhersagemöglichkeit von besonderer Bedeutung, ermöglicht sie doch den frühzeitigen Einstieg und die genaue Planung einer möglichst effizienten Therapie, lange bevor sich die pathologischen Merkmale einer Zerebralparese ausprägen. Sicherlich ist es höchst unwahrscheinlich, dass die therapeutischen Eingriffe die Entwicklung einer Zerebralparese verhindern können, aber sie können helfen, sekundären Schäden, wie etwa Kontrakturen oder anderen Formen von Immobilität zu vermeiden und vorzubeugen.

Die psychologische Unterstützung der Eltern und der größtmögliche fachliche Einsatz und frühe Adaptation des beeinträchtigten Kindes sind von entscheidender Bedeutung. Genauso wichtig ist es, jene Säuglinge mit normalen GMs zu identifizieren, welche trotz des Risikos aufgrund ihrer Vorgeschichte einen normalen neurologischen Outcome haben werden. Zusammenfassend stellt das neurologische Assessment der GMs eine große Bereicherung für die in der Pädiatrie notwendigen Untersuchungsmethoden dar. Neben den schon vorhandenen und bekannten Möglichkeiten bietet die Methode der GM-Beurteilung mit einer sehr hohen Vorhersagbarkeit ein sehr effizientes Rüstzeug für die in der Pädiatrie tätigen Berufsgruppen.

Einsatz der General Movements in unserer Praxis

In unserer Praxis werden die General Movements im Rahmen der Physiotherapie als diagnostisches Kriterium angewandt. Da diese Untersuchgunsmethode (=Assesment) nur bis zu einem bestimmten Alterdurchführbar ist, müssen die Eltern frühzeitig aufgklärt und von der Bedeutung dieses zusätzlichen Befundinstrumentes überzeugt werden. Die Untersuchung der Kinder ist freiwilig und wird nur auf Wunsch der Eltern durchgeführt. Sie dient der Prognose der Entwicklung des Kindes und ist ein wichtiger Bestandteil im Rahmen der Physiotherapie.

Sollten Sie noch Fragen zu dieser Methode haben, dann wenden Sie sich bitte an Ihren Therapeuten oder schreiben Sie an kontakt@therapiefuerkinder.de.

 

Das Assement-Verfahren der General Movements kann von Physiotherapeuten erlernt werden und wird von dem General Movement Trust angeboten.