Physiotherapie in Indien
Das Children's Orthopaedic Center in Mylaudy / Süd-Indien

Reha-Zentrum im Süden

Das C.O.C. ist das einzig technologisch hochwertig ausgestattete orthopädische Reha-Zentrum im Süden Indiens, das dank großzügiger Spenden Kinder und Jugendliche aus den Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu operativ und konservativ versorgt. Es besteht aus einer Ambulanz, drei Patientenzimmern mit 20 Betten, einem Physiotherapieraum und der orthopädischen Werkstatt. Bis auf die wenigen indischen Bediensteten mit Deutschkenntnissen verständigen sich die deutschen und die einheimischen Fachkräfte auf Englisch. Die behandelnden deutschen Ärzte kommen vorwiegend aus Hamburg und haben die Reisekosten genauso wie auch die Physiotherapeuten und Krankenpfleger aus eigener Tasche bezahlt. Die Arbeit vor Ort ist unentgeltlich und die Fachkräfte wechseln sich übers Jahr verteilt ab.

Verbesserung der Lebensqualität

Die betroffenen Kinder stellen sich in der Ambulanz des C.O.C. vor und werden dort von den Ärzten und Physiotherapeuten untersucht. Direkt im Anschluss wird gemeinsam entschieden, ob operiert werden soll oder nicht. Diese Entscheidung hängt allein davon ab, ob die nötige OP einen Erfolg verspricht und ob durch die konservative Nachbehandlung die Lebensqualität des Patienten nachhaltig verbessert werden kann. Alle größeren Operationen werden in einer nahe liegenden Unfallklinik durchgeführt. Sowohl die Kosten für die Operationen als auch für Verbandsmaterial und für die Betreuung der medizinischen Fachkräfte werden überwiegend durch Spenden aufgebracht, es wird aber immer geprüft, ob nicht auch ein wenig Geld bei den Patienten vorhanden ist.

Physiotherapie im C.O.C.

Ein ganz normaler Tag im C.O.C.

Nach einigen Tagen gewöhnte ich mich zunehmend an die Rituale, die den täglichen Ablauf im C.O.C. regeln. Nach dem Frühstück und der Visite, die um 9.00 Uhr morgens stattfindet, fingen wir an die Patienten zu behandeln. Zeit spielte hierbei eine zwar wichtige, aber dennoch untergeordnete Rolle. Dies unterscheidet sich gravierend von den Verhältnissen in Deutschland und macht ein sehr effektives Arbeiten möglich. So ist es an der Tagesordnung, dass man sich Patienten mehrfach einbestellt und auch die Behandlungsdauer gemäß den Anforderungen des Krankheitsbildes frei wählen kann. Gegen Mittag trafen sich dann alle Berufsgruppen am runden Tisch, um die Patienten des Vormittages zu besprechen. Im Anschluss an diese Pause behandelten wir unsere Patienten erneut – sowohl ambulant als auch stationär. Der Arbeitstag im C.O.C. endete dann gegen 17.00 Uhr.

"Kulturelle" Unterschiede in der Behandlung

Während der Behandlungen gab es immer wieder Situationen, in denen man sich mit der Wirklichkeit des indischen Lebens und seiner Kultur konfrontiert sah. So kam oftmals nicht nur ein Elternteil mit in die Behandlung, sondern es fanden sich zum Teil ganze Familien im Behandlungsraum wieder, um der Therapie des Kindes zuzuschauen. Auch der indische Physiotherapeut, der während der gesamten Zeit bei den Behandlungen anwesend war, wurde durch uns angeleitet und aktiv in die Behandlung miteinbezogen. Dabei wurde schnell deutlich, dass die indische Arbeitsweise sich zum Teil sehr von der europäischen unter-scheidet. Wird hierzulande das Problem des Patienten kausal erfasst und neurophysio-logisch behandelt, so versuchen die indischen Berufskollegen eher an den Symptomen zu arbeiten. Auf diese Art werden spastische Kinder überwiegend achsengerecht gedehnt und in den Stand gebracht, um sie dort zur Gewichtsübernahme zu aktivieren. Während des einwöchigen Kinder- Bobath-Kurses, den wir für indische Kollegen aus ganz Süd-Indien ausrichteten, konnten wir feststellen, dass die Physiotherapeuten zumeist nach »konkreten Griffen« suchten, denen ein gewisser motorischer Effekt folgen sollte. Die neurophysiologischen Hintergründe standen zwar auch auf der Liste der begehrenswerten Informationen, konnten aber nicht immer umgesetzt werden, da basale Kenntnisse insbesondere über die kindliche Entwicklung fehlten.

Arbeit vor Ort muss gesichert werden

Es fällt mir schwer, am Ende dieser Reise meine vielen Eindrücke umfassend zu vermitteln. Was bleibt, ist das Gefühl, Menschen mit ganz einfachen Mitteln helfen zu können. Die vielen exotischen Krankheitsbilder, die es in Deutschland kaum noch gibt (wie Polio, schwerste Formen der Arthrogryposis und Zerebralparesen, schlimmste Klumpfüße und Hüftreifungsstörungen), machen den Trip ins Exotische zu einer wohl unersetzlichen Lebenserfahrung. Es ist unerlässlich, die Arbeit der Ärzte (eine OP kostet 150 Euro) und Therapeuten zu sichern. Auch werden dringend Hilfsmittel benötigt wie Rollstühle, gebrauchte, aber gut erhaltene Orthesen und Stützen aller Art. Da sich dieses Projekt ausschließlich aus Spenden finanziert, sind wir ständig auf der Suche nach Sponsoren. Das C.O.C. ist dankbar für jede Form der finanziellen Unterstützung.

Weitere Informationen über Indien finden Sie auf der Web-Seite der Patengemeinschaft.